No apparent distress

Ein Buch darüber, was es bedeutet, Medizin zu studieren und Ärztin zu werden. Braucht es das? Wie viele Youtuber*innen gibt es, die von ihren Erfahrungen in der Med School berichten und nicht sparen mit Ratschlägen, wie viele Romane sind nicht schon darüber geschrieben … Doch der Roman von Rachel Pearson ist ein wenig anders.  

All das Prestige, das um die ärztliche Ausbildung wabert, auf der ganzen Welt. Der Mythos von der Verwandlung einer hart arbeitenden Streberin in eine heldenhafte Helferin, viel häufiger natürlich in der männlichen Form. Wenn es etwas gibt, was der Roman von Rachel Pearson nicht tut, ist es das: Hohle Stereotype reproduzieren. Die Autorin schreibt über ihren unkonventionellen Werdegang: Erst spät kommt sie, die doch eigentlich Schriftstellerin sein möchte, ausgerechnet durch ein Praktikum in einer Abtreibungsklinik zu dem Wunsch, Ärztin zu werden. Nach einem Jahr der Vorbereitung entscheidet sie sich für ein Studium im heimatlichen Texas – in einer Stadt, die kurz vor ihrer Ankunft von einem Hurricane heimgesucht wird. Sie kämpft dagegen an, eine „kalte und objektive“ Medizinerin zu werden, möchte ihr Selbstverständnis als Künstlerin beibehalten; und wird eingesogen.  

Eingesogen von einem Gesundheitssystem, in dem (Stand 2018 in Texas(1)) immer noch 17.7 % der Menschen keine Krankenversicherung haben – Menschen wie diese trifft sie in dem von Studierenden geleiteten wohltätigen Gesundheitszentrum, in dem sie als Freiwillige arbeitet. An diesem Ort, den es eigentlich nicht geben, nicht brauchen dürfte, lernt sie was es bedeutet, Fehler zu machen, die Patient*innen treffen. Gegen bürokratische Windmühlen anzukämpfen, um Krebsbehandlungen zu bezahlen. Den tragischen, unerwarteten Tod eines Patienten mitzuerleben, dessen Frau schon bald danach wegen der Behandlungskosten beinahe ihr Zuhause verliert. Aber vor allem lernt sie, Menschen zu begleiten, auch und gerade durch gemeinsame Ohnmacht hindurch. 

Doch auch außerhalb des ehrenamtlichen Gesundheitszentrums ist die Welt der Medizin nicht gerade das, was man heile nennen würde. Rachel entdeckt, wie sehr Rassismus und strukturelle Ungleichheit medizinische Behandlungen ganz praktisch beeinflussen: Zum Beispiel, wenn afroamerikanische Patient*innen eine schlechtere Diabetesbehandlung erfahren und weniger schmerzstillende Medikamente erhalten, auch unabhängig von ihrem Versicherungsstatus. Oder wenn Studierende Pap-Abstriche für das Screening auf Gebärmutterhalskrebs an Gefängnisinsassinnen üben müssen, um einen Nebenjob in einer „echten“ Klinik für zahlende Patientinnen zu bekommen.  

Und es tun sich immer mehr Abgründe auf: Wie lernen, mit Sterbenden umzugehen, wenn die eigenen Vorgesetzten das Thema schlichtweg ignorieren?  

We stood, speaking lightly of other things, in the door of the trauma bay. The only thing that marked our patient’s death was the slowing, and stopping, of the heart monitor’s beep. Finally, our patient lay alone, naked, dead on the emergency room bed. She was eighty-four years old. This whole time, nobody had spoken her name. That’s it? I thought. That’s it?” 

Was macht man mit der Einsamkeit, die entsteht, wenn niemand über die eigenen Fehler spricht? Fehler, die zwangsläufig passieren aber verschwiegen werden, weil nicht sein kann was nicht sein darf. Und was ist mit der Unsicherheit, die das schöne Bild der Kompetenz doch eigentlich lieber nicht trüben soll? Rachel realisiert, dass es elementar sein kann, sich und anderen eigenes Unwissen einzugestehen, um Patient*innen nicht zu gefährden. 

Es sind viele unschöne, unangenehme Themen, die in diesem Buch zur Sprache kommen. Es gibt sehr wenige Held*innen. Doch die braucht es auch gar nicht. Mit diesem berührenden Roman schafft Rachel Pearson es, auszudrücken, warum sie einfach nicht loskommt von der Medizin: Sie ist ihr Weg in die Welt. Oft sind ihre Begegnungen mit Patient*innen Schlüssel, die ihr helfen, unter die Oberfläche zu tauchen. Zu begreifen, was das eigentlich für eine Gesellschaft ist, in der sie da lebt, was die Menschen darin bewegt. Und das Wichtigste: Die Medizin gibt ihr die Chance, sich dem zu stellen, zur Denkenden und Handelnden zu werden – und schließlich zu dem Menschen, der sie sein möchte. 

(1) Bureau UC. Uninsured Rate by State: 2008 to 2018. [cited 2020 May 24]; Available from: https://www.census.gov/library/visualizations/interactive/uninsured-rate-2008-2018.html 

Rachel Pearson: No apparent distress, W.W. Norton & Co 2017; ISBN: 978-0-393-24924-8 

Die Autorin: Gesa Baum, 9. Semester Humanmedizin Universität Oldenburg

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