Den Menschen ihre Identität zurückgeben

Eine persönliche Reflexion zum Besuch der Ausstellungsräume der Holocaust-Opfer verschiedener ethnischer Gruppen in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Während unseres Exkursionswochenende gab es die Möglichkeit selbst geführt die Ausstellungsräume des ehemaligen Stammlagers Auschwitz zu besuchen. Mehrere dieser Ausstellungsräume sind den Holocaust-Opfern unterschiedlicher Nationalitäten bzw. Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppierung gewidmet.

Zunächst durchlief ich die französischen Ausstellungsräume, die im ehemaligen Block 20 gelegen sind. Mich bewegten insbesondere die Fotografien, welche jüdische Frauen, Männer und Kinder in Alltagssituationen zeigten. Mein Blick bleibt an unbeschwert wirkenden Menschen bei der Freizeit, Menschen mit ernster Miene auf Familienfotos oder auch feierlich anmutenden Menschen bei religiösen Handlungen hängen. Motive bzw. Bildkonstellationen, wie man sie aus den Fotoalben der eigenen Großeltern bzw. Urgroßeltern kennt. Wie so oft während der Exkursion stellt sich mir die Frage, wie eine Ideologie Menschen so stark voneinander entfremden konnte, dass Verfolgung, Deportation und Ermordung die Folge waren. Der letzte Ausstellungsraum ist mir noch besonders in Erinnerung, da er räumlich und inhaltlich einen sehr starken Kontrast zu den anderen Räumen bildete. Ein schlichtes Zimmer mit weißen Paneelen, auf welchen die einzelnen Deportationszüge von Frankreich aus nach Ausschwitz dokumentiert sind. In den Zügen wurden circa je 1.000 Menschen transportiert, wovon meist mehr als 800 für die Tötung in der Gaskammer selektiert wurden. Die Zahlen vermischen sich mit der Atmosphäre des weißen und kargen Raumes, der von einem kalten Licht ausgeleuchtet wird. Mehrmals gehe ich im Kreis an den Paneelen vorbei, sodass die Zahlen und Ortsnamen an mir vorbei zu wirbeln scheinen. In diesem Moment wird für mich klar, wie wichtig und wertvoll die Rekonstruktion der Biographien von Holocaust-Opfern ist. Es sollte mehr dafür getan werden den Menschen ihre Identität zurückzugeben. Denn in der Betrachtung der Biographien bzw. Einzelschicksale wird deutlich, dass damals wie heute, von Ideologien propagierte Unterschiede zwischen Menschen, keine Grundlage bzw. Daseinsberechtigung haben.

Nach dem Verlassen der französischen Ausstellungsräume laufe ich zum gegenüberliegenden ehemaligen Block 27, der heute die jüdische Ausstellung beherbergt. Leiser, jüdischer Gebetsgesang erklingt im Gang, der zum ersten Ausstellungsraum führt. Dort angekommen erblicke ich ein Zusammenschnitt aus Filmaufnahmen, die jüdische Familien, Männer, Frauen und Gemeinden zeigen. Schnell wird einem klar, dass dies Aufnahmen vor Beginn des Holocaust entstanden sein müssen – die meisten abgebildeten Menschen wirken fröhlich, unbeschwert und geschäftig. Insbesondere bei Filmsequenzen mit jungen Menschen stellen sich mir immer dieselben Fragen: Was wünschten sie sich wohl von ihrem weiteren Leben? Was begeisterte sie? Welche Leidenschaften hatten sie?

Der nächste Raum zeigt Filmausschnitte aus Reden von Hitler, Goebbels und Himmler, welche die antisemitische und totalitäre Ideologie der NSDAP zum Ausdruck bringen. Der Ton und Duktus der nationalsozialistischen Reden lässt einen ungewollt an Aussagen rechtsnationaler Politiker denken, die aktuell in nahezu allen europäischen Parlamenten zu finden sind. Solche Politiker sprechen von Abschottung und Zäunen, um die europäischen Nationalstaaten bzw. Europa vor den Flüchtlingen „abzusichern“. Ob wohl einer dieser Politiker jemals in Auschwitz-Birkenau war und die Elektrozäune gesehen hat?

Über die Treppe gehe ich hinunter ins Erdgeschoss zum letzten Raum der Ausstellung. Monumental steht hier im Zentrum des Raumes das „Buch der Namen“, in welchem die Namen der Opfer des Holocaust in 58 Bänden mit jeweils 140 Seiten zusammengetragen sind. Meine Hand gleitet, während ich einmal um das Rechteck herumgehe, an den sich derb anfühlenden Buchseiten entlang. An der Seite mit Verstorbenen mit meinem Familiennamen bleibe ich hängen und versuche in mich hinein zu hören, ob mir einer der vier Vornamen etwas sagt oder, ob ich etwas Besonderes empfinde während ich ihre Namen lese. Ich meine eine Resonanz in meinem Innenraum zu spüren, jedoch bleibt sie ein vages Gefühl, welches sich einer genaueren Einordnung entzieht. Als nächstes fällt mein Blick auf die Wand des Raumes, wo mehrere Bildschirme angebracht sind, auf denen Farbfotos mit kleinen Infotexten rotieren. Es sind Aufnahmen, die jüdische Überlebende mit ihren Familien aus der ganzen Welt zeigen.

Etty Hillesum, geboren am 15. Januar 1914 als Esther Hillesum in Middelburg; gestorben am 30. November 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau. Ort, Datum und Fotograf*in des Bildes unbekannt. Vermutlich aufgenommen in den 1930er Jahren. Quelle: Wikimedia

Ich bin in diesem Moment sehr glücklich diese Bilder zu sehen, da alle Gesichter eine Wärme und Lebendigkeit ausstrahlen. Es gibt mir Hoffnung zu sehen, dass es den Überlebenden, zumindest dem Anschein auf den Bildern nach, möglich war sich ein Leben zu schaffen und ihren Frieden und ihr eigenes Glück zu finden. Dies erinnert mich daran, dass sich viele der Überlebenden aktiv für ein friedliches Miteinander in der Welt und gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung eingesetzt haben. Vielleicht kann einem dieser Umstand dabei helfen Kraft zu schöpfen, um für sich selbst und andere mehr Frieden im Hier und Jetzt zu leben?

Eine für mich besonders wertvolle Erfahrung aus Auschwitz-Birkenau ist das Kennenlernen der Biographie sowie der literarischen Texte von Etty Hillesum, die als jüdische Lehrerin, vor ihrer Deportation und Ermordung, in den Niederlanden gearbeitet hatte. Sie schreibt passend zu meinem letzten Gedanken:

„Ultimately, we have just one moral duty: to reclaim large areas of peace in ourselves, more and more peace, and to reflect it toward others. And the more peace there is in us, the more peace there will also be in our troubled world“ – Etty Hillesum

Der Autor: Nicolas Mach, studiert Medizin in Witten-Herdecke

Titelfoto: Scotch Mist, Wikimedia, CC BY-SA 4.0

 

 

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