Ärzte für den Frieden – Alternative Ärzte-Friedensgruppen in den 1980er-Jahren in der DDR

Jutta und Eberhard Seidel mit Bärbel Bohley und Jens Reich bei der größten Demonstration der DDR auf dem Alexander Platz am 4.11.1989. Foto Christian Schulz

Die Geschichte der alternativen Friedensgruppen, die in den 1980-erJahren in mehreren Städten der DDR von Ärztlnnen (gemeint sind Frauen und Männer) gegründet wurden und zumeist unter dem Schutzdach der Evangelischen Kirche aktiv waren, ist nur zu verstehen, wenn man die Geschichte der Internationalen Ärzteorganisation zur Verhinderung des Atomkrieges (IPPNW) erzählt.

Die Geschichte des Widerstandes von Wissenschaftlern und Ärzten gegen Atomwaffen reicht bis in die 1950-er Jahre zurück. Am bekanntesten ist wohl die ,,Göttinger Erklärung” vom 12. April 1957, in der 18 hochangesehene Atomforscher aus der Bundesrepublik Deutschland gegen die von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß angestrebte Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen protestierten. Die Wissenschaftler, unter ihnen die Nobelpreisträger Otto Hahn, Max Born und Werner Heisenberg, setzten sich für eine ausschließlich friedliche Nutzung der Atomkraft ein. Das Göttinger Manifest fand in der bundesdeutschen Öffentlichkeit große Resonanz, insbesondere bei vielen Studenten an den Universitäten, aber auch im Deutschen Gewerkschaftsbund und in der SPD, die im Jahr 1958 das Komitee Kampf dem Atomtod gründeten. Auch aus dem Osten gab es eine Solidaritätserklärung für die Göttinger Achtzehn: Schon am 17. April 1957 verabschiedeten 14 namhafte Kernphysiker auf einer Sitzung der Physikalischen Gesellschaft der DDR einstimmig eine Resolution gegen Atomwaffenversuche und gegen die Entwicklung von Atomwaffen.

Vorläufer dezidiert ärztlicher Organisationen gegen atomare Bewaffnung, deren Arbeit auf der ärztlichen Verpflichtung zur Lebenserhaltung sowie auf medizinischem Fachwissen und öffentlicher Wirksamkeit aufgrund der Reputation des Arztberufes beruhte, entwickelten sich zuerst in den USA. Dort untersuchte eine Gruppe von Ärztlnnen 1962 die Folgen eines Atomangriffs und leitete daraus entsprechende Folgerungen und Forderungen gegen die atomare Bewaffnung ab.
1979 wurde die Gruppe Physicians in Social Responsibility Trägerin der US-amerikanischen Ärztebewegung zur Verhinderung eines Atomkrieges unter Leitung der aus Australien stammenden Kinderärztin Helen Caldicott. Diese Ärzteorganisation wuchs innerhalb von zwei Jahren auf 11.000 Mitglieder, die in den USA 85 Regionalgruppen bildeten.

1980 gewann Professor Bernhard Lown, ein Kardiologe der Harvard-University, seinen sowjetischen Kollegen Professor Jewgenij Tschasow, damals Direktor des Nationalen Herzforschungszentrums in Moskau dafür, zusammen mit vier anderen amerikanischen und sowjetischen Kardiologen eine blockübergreifende Ärzte-Organisation zu gründen: die lnternational Physicions for the Prevention of Nuclear War (IPPNW).

Bis Mitte der 1980-er Jahre wuchs die IPPNW auf zeitweise über 250.000 Mitglieder in 80 Ländern. Es war die Phase des Kalten Krieges, in der die Bedrohung eines menschheitsvernichtenden Atomkrieges zum Greifen nah war. 1976 hatten die Sowjets begonnen, SS-20- Raketen in Osteuropa zu stationieren. Nach dem NATO-Doppelbeschluss vom Dezember 1979 wurden neue mit Atomsprengköpfen bestückte Raketen und Marschflugkörper (Pershing-ll und BGM-109 Tomahawk) in Westeuropa stationiert, der Warschauer Pakt antwortete mit der Stationierung von weiteren SS-2O-Raketen im Osten des Eisernen Vorhangs, der Europa teilte. Vor allem von Politikern und Militärs aus den USA war zu hören, dass ein Atomkrieg auf Europa beschränkbar und gewinnbar sei.

Angesichts dieses Szenarios einer billigend in Kauf genommenen Totalvernichtung Mittel-Europas waren die Angst vor einem Atomkrieg und der Antrieb zu Gegenbewegungen hier besonders groß. ln Westeuropa entwickelte sich schnell eine breite Friedensbewegung mit Massendemonstrationen, Sitzblockaden vor Raketenstandorten, Menschenketten und vielen anderen fantasievollen Bürger-Aktionen. lm Krefelder Appell vom November 1980 wurde der Verzicht auf die Aufstellung neuer Atomraketen gefordert, weil diese Gefahr eines ,,Atomkrieges aus Versehen” steigern würden. Jede weitere Aufrüstung sei unsinnig, da die Atomwaffen beider Seiten für die mehrfache Vernichtung der Welt ausreichten. Gefordert wurden eine Abkehr von der Doktrin des militärischen Gleichgewichts und ein atomwaffenfreies Europa.

Teil der Friedensbewegung in den USA und in Westeuropa zu Beginn der 1980-er Jahre war eine schnell wachsende Zahl von Ärztlnnen, die sich von ihrem beruflichen Ethos her um die Aufklärung der Bevölkerung bemühten: Da in einem Atomkrieg das Leben auf der Erde in einem zivilisationszerstörenden Ausmaß vernichtet würde, gäbe es für die Überlebenden keine der Katastrophe angemessene medizinische Hilfe oder Rettung. Der einzige Weg dem lnferno eines Atomschlages zu entgehen, sei dessen Verhinderung. Die Forderung lautete: Weg mit den Atomwaffen in Ost und West!

Am 19./20. September 1981, also genau vor 33 Jahren, fand in Hamburg der erste bundesdeutsche medizinische Kongress zur Verhinderung des Atomkrieges mit 1.600 Teilnehmern unter dem Motto statt: ,,Die Überlebenden werden die Toten beneiden”.

Fünf Monate später wurde im Februar 1982 in Frankfurt am Main die bundesdeutsche Sektion der IPPNW gegründet. Engagierte Ärztlnnen aus Westdeutschland und Westberlin gaben in ehrenamtlicher Arbeit die Rundbriefe ,,Ärzte warnen vor dem Atomkrieg” und andere lnformationsmaterialien in zigtausenden Exemplaren heraus. Außerdem wurden mehrere große Kongresse und viele kleinere Regionaltreffen organisiert, in Westberlin und an vielen Orten der Bundesrepublik trafen sich friedensbewegte Ärztlnnen, gründeten lnitiativgruppen und versuchten durch Herstellung einer kritischen Öffentlichkeit zur Abwendung vom politischen Konfrontationsdenken beizutragen.

Nun war (und ist) die Besonderheit der Ärztebewegung gegen den Atomkrieg ihr internationaler Charakter. Gerade die blockübergreifende Sorge von Ärzten in West und Ost um die Erhaltung des Lebens und den Fortbestand der menschlichen Spezies machte ihre Glaubwürdigkeit und ihre Wirksamkeit gegen die gefährliche Logik der Konfrontation im kalten Krieg aus. Deshalb wurde die IPPNW 1984 mit dem UNESCO-Friedenspreis und 1985 mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet.

Wie aber sah die IPPNW-Organisation auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs aus? Eine spontane Graswurzel-Bewegung von der ärztlichen Basis her, wie ich das für die Entwicklung der US-amerikanischen und bundesdeutschen Organisation nachgezeichnet habe, war unter den Bedingungen einer Parteidiktatur und geschlossenen Gesellschaft schwer vorstellbar. Es hat sie jedoch auch in der DDR gegeben. Allerdings hat sich diese Ärztebewegung hier erst im Laufe der 1980-er Jahre – synchron und vielfältig verwoben mit anderen Friedens-, Ökologie- und Menschenrechtsgruppen – von der Bedrückung durch den ,,vormundschaftlichen Staat” emanzipieren können. Diesen spannenden Prozess und seinen erfolgreichen Ausgang möchte ich beschreiben.

In der DDR wurde im August 1982, also ein halbes Jahr nach Gründung der bundesdeutschen Sektion der IPPNW, auf Beschluss des DDR-Ministerrates das Komitee ,,Ärzte der DDR zur Verhütung eines Nuklearkrieges” gegründet. In das Komitee wurden circa 50 Ärzte und Wissenschaftler berufen, die von der staatlichen Einheitspartei nach Kriterien politischer Zuverlässigkeit und fachlicher Reputation ausgewählt worden waren. Die DDR wollte damit demonstrieren, dass Frieden und Abrüstung Staatsdoktrin waren. Partei und Regierung stellten sich auf die Seite der im Westen von unten her entwickelten Friedens- und insbesondere Ärztebewegung zur Verhütung des Nuklearkrieges. Soweit so gut. Da die DDR jedoch ein autoritär verfasster Staat mit dem Führungsanspruch einer einzigen Partei war, barg diese Konstruktion einen grundlegenden Konflikt. Dieser zeigte sich bereits darin, dass das staatsparteilich gebildete IPPNW-Komitee  für  die 46.000 Ärzte und Zahnärzte der DDR sprach, ohne vorher  mit  diesen zu gesprochen zu haben. Ein Informations-, Diskussions- und Abstimmungsprozess im Inneren der DDR war nicht vorgesehen, weil etwas Derartiges in der Vorstellungswelt der realkommunistisch sozialisierten Machthaber gar nicht enthalten war. Wenn Staat und Partei sowieso für den Frieden sind, was gibt es da noch zu diskutieren?

Viele, insbesondere jüngere Ärzte in der DDR empörten sich jedoch gegen die zentralistische Einrichtung des Komitee, weil ihnen dieses als Repräsentanz der Staatsmacht ungefragt vorgesetzt wurde. Zu internationalen IPPNW-Treffen sollten als sogenannte ,,Reisekader” nur die von der SED ausgewählten Komitee-Mitglieder fahren. Alle anderen Ärztlnnen sahen sich von einer ungehinderten Kommunikation über die Grenzen der DDR hinweg, von den für eine internationale Organisation essentiellen Reise- und Kontaktmöglichkeiten abgeschnitten.

Von diesen Ärztinnen und Ärzten in der DDR werde ich im Folgenden in der Wir-Form erzählen, weil ich zu ihnen gehörte. Wir fühlten uns der westlichen Friedensbewegung nahe und identifizierten uns mit deren Zielen, über die wir durch Westradio und -Fernsehen und/oder persönliche Kontakte in die Bundesrepublik gut informiert waren. Im geteilten Deutschland, wo die Menschen auf beiden Seiten der Mauer durch ihre gemeinsame Sprache, Geschichte, Kultur, zum Teil auch durch kirchliche und familiäre Verwandtschaft miteinander verbunden waren, verkörperte die im sowjetischen Machtblock eingebundene DDR-Staatsmacht das Trennende, das im innerdeutschen Grenzregime seinen menschenfeindlichen Ausdruck fand. Unter diesen politischen Vorzeichen konnte das von der Staatsmacht installierte IPPNW-Komitee kein legitimer Vertreter der über Staats- und Blockgrenzen hinweg friedensbewegten Ärzte der DDR sein.

Indem wir aktiv mitreden und uns als selbstbestimmte Individuen der internationalen Ärzteorganisation anschließen, also ohne SED-staatliche Kontrolle direkte Kontakte zu ärztlichen Kollegen im Westen aufnehmen wollten, stellten wir uns gegen den Alleinherrschaftsanspruch der Staatspartei. Darauf hatten wir es nicht angelegt und anfangs war uns gar nicht klar, dass die Machthaber sich durch unser Bemühen um aktive Teilnahme an der internationalen Ärztebewegung derart provoziert fühlten. Aber es wurde uns bald schmerzhaft klar, dass wir in den Augen der Machthaber ungewollt die Machtfrage gestellt hatten. Dahinter stand der Monopolanspruch der SED und die alte Klassenkampfideologie, der zufolge sich die politischen Systeme in Ost und West unversöhnlich gegenüberstanden: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Wer aus dem eigenen Lager versuchte, sich Personen im Westen (im Lager des Klassenfeindes!) menschlich anzunähern oder sich gar (friedens-) politisch mit ihnen zu verbünden, wurde als Verräter und Feind angesehen und bekam die harte Hand der Staatsmacht zu spüren.

Sicherlich gab es während des kalten Krieges auf beiden Seiten der Mauer Hardliner, die die Ost-West-Block-Konfrontation verinnerlicht hatten und zu keinen Kompromissen bereit waren, und andererseits moderate Kräfte, die den Ausgleich suchten. So konnte es im Westen durchaus passieren, dass Vertreter einer Politik des ,,Wandels durch Annäherung” und die um mentale und militärische Abrüstung bemühten IPPNW-Ärzte von antikommunistischen ,,Falken” aus dem politisch rechten Lager als ,,Kommunistenknechte” verdächtigt und verbal attackiert wurden.

In der DDR aber saßen die Hardliner des Konfrontationsdenkens in Freund-Feind-Lagern im (bzw. hinter dem) IPPNW-Komitee. Diese Konstruktion war ein Widerspruch in sich, der typisch war für die Verlogenheit der Diktaturen sowjetischen Typs, wie sie Vaclav Havel in seinem Buch: „Versuch in der Wahrheit zu leben“ beschrieben hat. In einer auf Lügen aufgebauten Gesellschaft verlieren manche Worte ihren Sinn. Der im Ostblock inflationäre Gebrauch des Wortes „Frieden“ zum Beispiel bedeutete in diesem politischen System eigentlich nur die Bewahrung des Status quo und eine Zementierung der Machtverhältnisse.

Zur staatsparteilichen Konstruktion des Komitee der DDR-IPPNW gehörte, dass es wie eine medizinisch-wissenschaftliche Gesellschaft geführt wurde. Dies bedeutete, dass das sogenannte „Generalsekretariat der medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaften“ bestimmte, wer darin in welcher Weise mitarbeiten durfte. Das Generalsekretariat als personalpolitische Steuerungs- und Kontrollzentrale gehörte zum DDR-Gesundheitsministerium. Unter der Leitung von Lothar Rohland war es die Schaltstelle der Macht, von der aus die SED Einfluss nahm auf die Zusammensetzung der Vorstände der medizinischen Fachgesellschaften in der DDR, auf deren Beziehungen zu westlichen Medizinischen Fachgesellschaften und auf die personelle Zusammensetzung von DDR-Delegationen zu medizinischen Kongressen im Westen. Vom Generalsekretariat wurden die Delegierten instruiert und verpflichtet, Berichte über die Kongressbesuche und alle Kontakte im Westen zu schreiben. Der mächtige Direktor des Generalsekretariats Lothar Rohland war SED-Berufsfunktionär, promovierter „Diplom- Gesellschaftswissenschaftler und zugleich mehrfach ausgezeichneter Mitarbeiter des Staatsicherheitsdienstes. Nur wenn man dieses Machtgeflecht von Staat, Einheitspartei und Staatssicherheitsdienst kennt, wie es in der Person des seinerzeit von Medizinern in der DDR gefürchteten „Dr. Rohland verkörpert war, versteht man die Doppelbödigkeit der offiziellen IPPNW-Vertretung der DDR.

Ärztlnnen, die aus eigener Initiative nach Teilnahme an der internationalen Ärztebewegung strebten und sich dabei der Kontrolle durch das Generalsekretariat zu entziehen versuchten, wurden als Staatsfeinde betrachtet und bekämpft. Dies geschah nicht öffentlich nachvollziehbar. Vielmehr lief die politische Repression weitgehend im Verborgenen, mit den geheimpolizeilichen Mitteln des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Diese Art der Verfolgung war besonders perfide, weil sie die Betroffenen in die kafkaeske Situation brachte, gezielt organisierte Beschädigungen erleiden zu müssen, dies aber nicht beweisen und sich daher nur schwer dagegen zur Wehr setzen zu können. Weil die Stasi jedoch über ihre Tätigkeit relativ genau Buch geführt hat und weil es uns 1989-90 gelungen ist, einen Großteil der Stasi-Akten vor der Vernichtung zu retten, können wir heute nicht zuletzt anhand dieser Akten nachweisen, wie feindselig die DDR-Staatsmacht noch in den 1980-er Jahren alternative Basisgruppen bewertet und Menschen behandelt hat, die nichts Anderes als gegen Kriegsvorbereitungen aller Art und für „Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung aktiv sein wollten.

Weil eine individuelle Mitgliedschaft im IPPNW-Komitee der DDR nicht möglich war und wir uns nicht darauf beschränken lassen wollten, die vom DDR-IPPNW-Komitee vorgefassten Resolutionen zu unterzeichnen, hatten Ärzte und andere im Gesundheitswesen der DDR Beschäftigte an verschiedenen Orten begonnen, sich in privaten Kreisen zu treffen, um gemeinsam etwas zu tun. Die evangelische Kirche bot solchen Gruppen Schutz, damit ihre Versammlungen von staatlich-polizeilicher Seite nicht als illegale Zusammenrottung kriminalisiert und verboten werden konnten, wie das ohne solchen Schutz vielfach geschehen war.

Als erste in der DDR hatten friedensbewegte Ärzte 1983 in Halle die Gruppe „Christliche Mediziner in sozialer Verantwortung“ gegründet. Der Name war bewusst an die amerikanische Vorläuferorganisation der IPPNW angelehnt, die „Physicians in Social Responsibility. Der hallesche Arbeitskreis umfasste acht bis fünfzehn Ärzte und Psychologen, die sich von 1983 bis 1989 im Abstand von zwei Wochen bis drei Monaten meist in Privatwohnungen trafen. Der Arbeitskreis war beim Evangelischen Kirchenkreis Halle angebunden, genoss die Unterstützung und den Schutz des dortigen Kreiskirchenrates und des Superintendenten, durfte kirchliche Räume nutzen und sich an kirchlichen Großveranstaltungen z. B. im Rahmen der alljährlichen Friedensdekade im November beteiligen, mit denen eine gewisse Öffentlichkeit hergestellt werden konnte.

Ausgangspunkt des Ärztekreises waren staatlich verordnete Zivilschutzmaßnahmen, von deren Unsinnigkeit im Fall eines Nuklearwaffeneinsatzes die Ärzte wussten, und ihre antizipierte medizinische Hilflosigkeit in einer solchen Situation. Die Hallenser widmeten sich neben den klassischen IPPNW-Themen – wie den Gefahren von Atomrüstung und ziviler Kernkraftnutzung z. B. durch Niedrigstrahlung in der Umgebung von Atomkraftwerken – bald auch vielen anderen gesellschaftlichen Problemen, für die sie als Ärzte Verantwortung empfanden. So beschäftigten sie sich in jahrelangen Diskussionsprozessen mit Fragen des Gewaltverzichts, gewaltfreier Kindererziehung, den Möglichkeiten und leider öfter der Unmöglichkeit einer Wehrdienstverweigerung. Häufiges Thema war auch die gerade im Industrie-Ballungsraum Halle gesundheitsbelastende Umweltverschmutzung. Alle kannten als Eltern und/oder Ärzte das Problem der hustenden Kinder, die besonders in der Heizperiode mit asthmatischen Bronchitiden die Polikliniken und Krankenhäuser füllten. Die Altstadt verfiel und die durch Einleitung von Industrieabwässern vergiftete Saale stank zum Himmel.

Sinnvolle Forderungen für einen besseren Umweltschutz und gegen den Zwang zum Militärdienst mit der Waffe beantwortete der SED-Staat mit Härte und „umfassender operativer“ (gemeint war geheimpolizeilicher) Bearbeitung. Befangen im ideologischen Feindbilddenken, konnten sich die Vertreter der staatlichen Macht nicht vorstellen, dass die Ärzte sich bei ihrem Engagement von ihrem eigenen Gewissen und Verantwortungsgefühl leiten ließen, sondern unterstellten primär staatsfeindliche Ziele und eine Fernsteuerung vom Westen aus.

Um zu verdeutlichen, wie eingreifend die Repression war, soll aus einer Diplomarbeit zitiert werden, die ein Major der Stasi-Bezirksverwaltung Halle 1988 an der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Potsdam unter dem Titel „Erfahrungen bei der Beeinflussung feindlich-negativer, im Sinne der politischen Untergrundtätigkeit wirkender Kräfte und Zusammenschlüsse mittels geeigneter und qualifizierter IM“ verfasste. IM war die Abkürzung für Inoffizielle Mitarbeiter, die im Stasi-Auftrag nicht nur spitzelten, sondern zum Teil auch aktiv schadeten. Es geht in der Stasi-Diplomarbeit auf 69 maschinengeschriebenen Seiten ausschließlich um die geheimpolizeiliche Bekämpfung des Arbeitskreises „Christliche Mediziner in sozialer Verantwortung“ Halle: „Besonders in der Bearbeitung dieser fanatischen Feinde erwies sich das Erfordernis als zwingend, komplexe Beeinflussungsmaßnahmen über IM unter Einbeziehung aller geeigneten staatlichen und gesellschaftlichen Kräfte durchzuführen und jeden noch so kleinen Ansatzpunkt zur permanenten Auseinandersetzung zu nutzen. Disziplinierungsmaßnahmen im unmittelbaren Arbeitsbereich bewirkten bei diesen Personen keinen positiven Umdenkungsprozess, schränkten aber ihre Arbeitsfähigkeit und inspirierende Wirkung in Bezug auf den ‘Ärztekreis’ zeitweise spürbar ein, führten zu Resignationserscheinungen und hinterließen auch psychische Wirkungen. (…)“

Die Eingriffsmöglichkeiten der Stasi reichten über „IM in Schlüsselpositionen“ und „Partner des politisch-operativen Zusammenwirkens“ (Bezirksarzt, Bezirksschulrat, Bezirkskomitee Halle der DDR-Sektion der IPPNW, Prorektoren der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Rat der Stadt Halle, Räte der Kreise Merseburg und Wittenberg) weit in persönliche und berufliche Bereiche hinein. Um den Ärztekreis zu zerschlagen, wurden in den Stasi-Unterlagen z. B. die dienstliche Versetzung eines Arztes in einen anderen Bezirk, die Verzögerung einer Doktorarbeit, die Überhäufung eines Arztes mit Arbeit, um die Freizeit einzuschränken u. v. a. m. genannt. Hinzu kam die gezielte psychische Zermürbung, wobei Einzelne unter Ausnutzung menschlicher Schwächen erpresst, bloßgestellt, entwertet und in die Enge getrieben wurden, Gruppenmitglieder gegeneinander aufgebracht, durch Ausstreuen von Verdächtigungen Misstrauen gesät und die Solidarität in der Gruppe geschwächt wurde.

Die Psychologin Eva-Maria Bartl wurde beispielsweise von der Stasi im OV (Operativen Vorgang) „Schlange“ bearbeitet; mein Bruder, Thomas Schröter, im OV „Cobra“ , der Anästhesist Christian Nattermann im OV „Viper“. Allein schon die Wahl der Decknamen der Bearbeitungsvorgänge deutet darauf hin, wie die Betroffenen, die sich um das Leben ihrer Kinder, um die Verschmutzung ihrer Umwelt, um die Gefahren von Atomkraftwerken und eines möglichen Atomkrieges sorgten, zu Feinden gestempelt und behandelt wurden. Die Stasi-Männer klassifizierten sie aufgrund ihrer Unbeugsamkeit als unverbesserliche Feinde, versuchten die Gruppe zu „zersetzen“, die „Initiatoren und Organisatoren“ zu isolieren, zu diffamieren, einzuschüchtern, letztendlich sogar aus dem Lande zu drängen. Tatsächlich siedelten Einzelne nach jahrelanger schikanöser Behandlung über Ausreiseanträge schließlich in den Westen über.

Mein Bruder sollte keine Stelle mehr als Arzt der von ihm angestrebten internistischen Facharztausbildung im staatlichen Gesundheitswesen der DDR bekommen, nachdem er mit offenen Briefen bis zum DDR-Verteidigungsminister versucht hatte, wegen seiner christlich-pazifistischen Überzeugung vom Militärreservedienst mit der Waffe befreit zu werden, und sich als Sekretär des christlichen Ärztekreises besonders exponiert hatte. Er bewarb sich in entlegenen Landkrankenhäusern, wo die jeweiligen Chefärzte ihn als internistischen Assistenzarzt gern eingestellt hätten, ihm aber nach Eintreffen seiner Kaderakte jeweils absagen mussten. Lieber wären die staatlichen Organe den einsatzbereiten jungen Arzt mit Frau und vier Kindern an den Klassenfeind losgeworden. Er aber wollte in der DDR bleiben. Zum Glück gab es noch kirchliche Krankenhäuser ohne staatlichen Zugriff auf die Personalabteilung, so konnte er seine internistische Facharztausbildung am Sophien-Krankenhaus in Weimar bei einem friedensbewegten Chefarzt absolvieren. Dort bekam er dann bei der Wohnungssuche mit wiederholten Ablehnungen durch die staatliche Wohnungsverwaltung zu spüren, dass er von Seiten der politischen Machthaber unerwünscht war. Mit Hilfe von Freunden hat er es dennoch geschafft, sich und seiner Familie ein gutes Leben aufzubauen.

Als zweite alternative Ärztegruppe der DDR unter dem Schutzdach der evangelischen Kirche konstituierten sich im Herbst 1984 in Ostberlin die Ärzte für den Frieden. Den Impuls gab eine Zusammenkunft im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Berlin Lichtenberg, als der Psychoanalytiker und Mitbegründer der bundesdeutschen IPPNW Horst Eberhard Richter dort einen Gastvortrag hielt. Pfarrer Peter Bickhard, der als Kranken-Seelsorger in Herzberge tätig war, übernahm die kirchliche Schirmherrschaft für die Ärztegruppe. Anfangs schlossen sich der Internist Hajo Möller, der als Oberarzt in Herzberge arbeitete, mit der Zahnärztin Jutta Seidel und ihrem Ehemann, dem Internisten Eberhard Seidel zusammen, später kamen die Ehepaare Eva und Jens Reich sowie Christine und Sebastian Pflugbeil, der Psychiater Herbert Loos, die Internistin Elisabeth Farack und viele andere hinzu. Die Ärzte für den Frieden organisierten im Laufe der 1980-er Jahre wiederholt öffentliche Informations- und Diskussionsveranstaltungen, so beispielsweise 1984 im Rahmen der Friedensdekade eine Podiumsdiskussion in der Auferstehungskirche zur Frage „Leben nach dem Atomkrieg?“, zu der über 300 Menschen kamen, und 1986 einen Vortrag von Professor Karl Bonhoeffer zum Thema „Die politische Verantwortung des Arztes für den Frieden“ vor über 200 Zuhörern in der Sophienkirche. An diesen beiden und ähnlichen anderen Veranstaltungen der Ärzte für den Frieden nahmen auch eingeladene Mitglieder des Komitees teil.

Von Anfang an hatten sich die Ärzte für den Frieden um eine Kooperation mit dem staatlichen IPPNW-Komitee bemüht und ihre Mitarbeit angeboten, waren jedoch meist abweisend behandelt und/oder mit hinhaltenden Ausreden vertröstet, manchmal auch offenkundig belogen worden. Viele ihrer Briefe mit Angeboten zur Mitarbeit wurden gar nicht beantwortet. Auch ihre Bemühungen, vom offiziellen DDR-IPPNW-Büro Informationsmaterialien zur IPPNW-Arbeit zu bekommen, die sie verteilen wollten, scheiterten zumeist. Selbst 1987 noch schmetterte der hauptamtliche Sekretär des Komitee Heinrich Niemann die schriftliche Bitte um IPPNW-Rundbriefe und die vom DDR-Komitee selbst herausgegebenen Informationsschriften mit dem Hinweis ab, die Bulletins könnten bei ihm in der Geschäftsstelle in Berlin-Lichtenberg eingesehen werden.

Versuche zu IPPNW-Kongressen ins Ausland zu fahren, wurden unter fadenscheinigen Vorwänden abgelehnt oder durch absichtliche Verzögerungen bei der Ausstellung der Reiseunterlagen verhindert. Dabei ging es keinesfalls nur um allgemein begehrte Reisen in den Westen. Zum 5. Weltkongress der IPPNW in Budapest 1985 beispielsweise konnte ein Mitglied der Ärzte für den Frieden mit einem Touristenvisum reisen, zwei andere erhielten keine Reisegenehmigung. Ähnlich lief es bei späteren |PPNW-Kongressen: Eingebunden in DDR-Delegationen und unter strenger Beobachtung durften beispielsweise Jutta Seidel 1987 mit nach Moskau und Michael Büdke vom Hallenser Ärztekreis 1988 mit nach Montreal fahren. Die Mitnahme einzelner Vertreter alternativer Ärztekreise sind dem Generalsekretariat der medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaften jeweils von westlichen IPPNW-Kollegen, die persönlich nachfragten, und über diplomatische Kanäle der Kirche abgerungen worden. Hier erwies es sich als Vorteil, dass das DDR-Komitee als Teil der internationalen Organisation Rücksichten nehmen musste auf die westlichen IPPNW-Mitglieder und den Ausschluss der Basisärzte – genau wie deren geheimpolizeiliche „Bearbeitung“ – nicht offen praktizieren konnte.

Punktuell gelangen auch Gespräche und eine Zusammenarbeit der Ärzte für den Frieden mit Vertretern des staatlichen Komitee. Denn letztere waren ja nicht identisch mit den politisch Verantwortlichen wie Lothar Rohland vom Generalsekretariat der medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaften und mit dem Staatssicherheitsdienst, sondern waren selbst Ärzte, denen die Erhaltung des Friedens am Herzen lag und die sich ehrenamtlich zur Arbeit im IPPNW-Komitee bereit erklärt hatten. Allerdings hatten diese Repräsentanten des Komitees – trotz ihres zum Teil erklärten guten Willens zu einer Öffnung für die Mitarbeit der Ärzte für den Frieden – darüber gar nicht zu entscheiden. In individuell unterschiedlichem Maße versuchten einige Komitee-Mitglieder zu vermitteln, verschwanden im Zweifelsfall jedoch hinter den Blockaden durch das Generalsekretariat (Lothar Rohland) und die Geschäftsstelle des Komitees (Heinrich Niemann).

Immerhin gab es für die Ärzte für den Frieden in Ostberlin neben der „operativen Bearbeitung“ durch die Stasi und den belastenden Auseinandersetzungen mit den Funktionären des DDR-IPPNW-Komitee auch angenehme Seiten ihres exponierten Standortes, die mit der interessanten Nähe zu gleichgesinnten Kolleginnen und Kollegen in Westberlin zu tun hatten. In der geteilten Stadt war der Transfer von Informationsmaterialien der besonders aktiven Westberliner IPPNW-Gruppe um die Anästhesistin Barbara Hövener relativ leicht möglich. Die in Westberlin lebende Internistin Gertrud Gumlich machte sich verdient durch das Schmuggeln von Büchern, Rundbriefen und anderen Schriften der IPPNW, die von dem Ostberliner Ehepaar Seidel an Ärztlnnen in der gesamten DDR weiterverteilt wurden. Eine schöne (musikalische) Verbindung war auch die des Ostberliner Internisten Hajo Möller mit dem Westberliner Kinderarzt Peter Hauber, der bis heute erfolgreiche IPPNW-Benefiz-Konzerte zugunsten von international arbeitenden Menschenrechts-, Flüchtlingshilfe- und Friedensorganisationen organisiert.

Wichtige Unterstützung kam für die Ärzte für den Frieden und ihre Gleichgesinnten in der DDR ab Mitte der 1980-er Jahre unverhofft auch aus der Sowjetunion, wo unter Michail Gorbatschow ein Neues Denken zur Öffnung der verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen und zu weitreichenden Abrüstungsvorschlägen führte. Die sowjetische Politik von Glasnost und Perestroika zeigte in der zweiten Hälfte der 1980-er Jahre auch in der DDR Wirkung, ermutigte uns in unserem Streben nach demokratischer Teilhabe und Herstellung öffentlicher Transparenz und führte zu einer allmählichen Verschiebung der Kräfteverhältnisse zwischen den SED-Falken und den alternativen Friedensgruppen zu unseren Gunsten.

Als besondere Leistungen der Ärzte für den Frieden Ende der 1980-er Jahre möchte ich noch die Herausgabe von zwei Schriften hervorheben. Der Physiker Sebastian Pflugbeil setzte sich in einer Studie auf wissenschaftlichem Niveau mit der Energiegewinnung der DDR auseinander, die auf der Basis von Braunkohle und Atomkraft erfolgte und deren gesundheitliche und ökologische Schäden er scharf kritisierte.

Sensationell wirkte das Erscheinen der Studie „Die Pechblende“ im Juni 1988. Der junge Autor Michael Beleites hatte nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 begonnen, den von der Sowjetisch-Deutschen AG Wismut betriebenen Uranbergbau in Sachsen und Thüringen zu untersuchen, was ein politisches Tabu verletzte. Auf einer soliden Materialgrundlage, eigenen Messungen mit einem Geigerzähler und umfassenden Befragungen von Anwohnern wurden massive Gesundheitsschäden und verheerende Umweltbelastungen durch radioaktive Strahlung in den Uranbergbaugebieten aufgezeigt. Auch soziale Folgeschäden durch die fast kostenlose Abgabe großer Mengen hochprozentigen Alkohols wurden erwähnt und weitreichende Forderungen nach Information und Strahlenschutz der Bevölkerung sowie baldiger Einstellung des Uranbergbaus in der DDR gefordert.

Wie gegen alle Aktivisten der Ärzte für den Frieden ging die Stasi noch Ende der 1980-er Jahre massiv gegen die Autoren der genannten Studien vor, diffamierte sie als Scharlatane und machte ihnen das Leben schwer. Verhindern konnte die Geheimpolizei die Veröffentlichung der Studien und ihre aufklärerische Wirkung nicht.

Es war wohl in erster Linie dem Drängen aus der bundesdeutschen und Westberliner IPPNW, vielleicht aber auch einem wachsenden Einfluss des sowjetischen Neuen Denkens zu verdanken, dass das DDR-IPPNW-Komitee 1986 endlich der jahrelangen Forderung der Basisärzte in der DDR nachkam und eine individuelle Mitgliedschaft für alle daran interessierten Ärzte zuließ.

Dies war der Auftakt für die Gründung einer starken IPPNW-Gruppe in Jena um den Kinderarzt Joachim Misselwitz, die eng mit der IPPNW-Gruppe in Gera um den praktischen Arzt Detlev Ebert und die HNO-Ärztin Barbara Bodechtel verbunden war. Sie konnten sich offen und ungehindert als IPPNW-Gruppe treffen und brauchten keinen kirchlichen Schutz in Anspruch nehmen. Die Gruppen in Jena und Gera waren (und sind bis heute!) aktiv, haben noch in den 1980-er Jahren regelmäßig eigene Schriften zur Aufklärung der Bevölkerung herausgegeben, große öffentliche Veranstaltungen organisiert und konnten sogar in Schulen gehen. Ermöglicht wurde dies nicht nur durch die endlich erteilte Erlaubnis zur individuellen Mitgliedschaft im DDR-IPPNW-Komitee, sondern auch durch den IPPNW-Bezirksvorsitzenden in Gera, der aufgeschlossen für diese Aktivitäten war und den für die Sache der IPPNW engagierten Ärzten freie Hand gegeben hat. Mit der formalen Zulassung individueller Mitgliedschaft waren 1986 zentral von den bekannten Ostberliner Dienststellen aus in allen 15 Bezirken der DDR IPPNW-Komitees eingesetzt worden, wobei man als Vorsitzende zumeist Chefärzte mit medizinischer Reputation ausgewählt hatte, die als politisch zuverlässig galten. Offenbar erlaubte es der politische Rahmen der DDR in der zweiten Hälfte der 1980-er Jahre durchaus, dass ein von der SED eingesetzter IPPNW-Bezirksvorsitzender sich liberal gegenüber Ärzte-lnitiativen von der Basis verhielt. Wahrscheinlich hatten die IPPNW-Gruppen in Jena und Gera umgekehrt gewisse Rücksichten zu nehmen, um ihren Bezirksvorsitzenden nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Das hat sie jedoch nicht daran gehindert, auch von staatlicher Seite unerwünschte Themen wie das sowjetische Neue Denken und psychologisch-pädagogische Fragen individueller Friedensfähigkeit und Friedenserziehung auf die Tagesordnung zu setzen und die von der Stasi verteufelte Studie „Pechblende“ zu vervielfältigen, die sich mit den katastrophalen gesundheitlichen Folgen des Uranbergbaus gerade in ihrem Bezirk Gera beschäftigte.

Ende der 1980-er Jahre gab es in Thüringen eine weitere Ärztegruppe, die unter weniger günstigen Bedingungen für IPPNW-Basisarbeit als im Bezirk Gera wiederum das Schutzdach der Kirche suchte. 1987 gründete ich mit meiner nervenärztlichen Kollegin Kerstin Schön, dem Anästhesisten Helmut Krause aus Ilmenau und einigen anderen in Erfurt die Albert-Schweitzer-Aktion für den Frieden, die bis Ende 1988 arbeitete. Unser Leitbild war die von Albert Schweitzer begründete Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben und seine bereits in den 1950-er Jahren an das Gewissen der Weltöffentlichkeit und der verantwortlichen Politiker appellierenden Warnungen vor den Gefahren der atomaren Aufrüstung.

Die Gruppe Albert-Schweitzer-Aktion für den Frieden versammelte sich 1987 und 1988 in Erfurt regelmäßig in den Räumen der Evangelischen Stadtmission, wo wir unter dem Schutz von Pfarrer Helmut Hartmann standen. Es kamen Ärzte verschiedener Fachrichtungen aus Erfurt, Ilmenau und Mühlhausen in Thüringen zusammen, auch einige Krankenschwestern und Pfleger waren aktiv beteiligt.

Eines unserer Hauptthemen waren Feindbilder, negative Klischees von anderen Menschen bzw. Gruppen, die zu Gegnern erklärt und dann bekämpft werden: Wie entstehen Feindbilder und wie kann man es gelingen, sie abzubauen? Wir setzten uns kritisch mit wachsenden Militarisierungstendenzen in der DDR auseinander und wiesen auf die bereits im Kindergarten vermittelte Verherrlichung der Grenzsoldaten, den als Pflichtfach in den Schulen eingeführten Wehrkunde-Unterricht, den unausweichlichen Druck auf männliche Abiturienten, sich als Offiziere auf Zeit zu verpflichten u. v. a. m. hin. Einige Frauen um Kerstin Schön nahmen eine systematische Analyse von Schulbüchern auf militaristische Inhalte vor.

Als wir versuchten, uns mit diesen Themen öffentlich zu Wort zu melden, wurden wir wie die Ärztegruppen in Halle und Ostberlin vor uns von staatlicher Seite als „feindlich-negative Kräfte“ eingeordnet und vom Staatssicherheitsdienst „operativ bearbeitet“. In der dreibändigen Stasi-Akte OPK (Operative Personenkontrolle) „Nerven“ konnte ich später staunend nachlesen, für wie gefährlich man mich als „Inspirator, Initiator und Organisator der Albert-Schweitzer-Aktion“ hielt. Die von der Stasi geplante „Zersetzung“ unserer Gruppe ging wie bei den Hallensern und Berlinern weit über eine bloße Observierung hinaus und umfasste eine Reihe von organisierten Gemeinheiten zur Verunsicherung, Verunglimpfung, Disziplinierung und Behinderung der beruflichen Entwicklung. Im Ernstfall, der zum Glück am Ende nicht eingetreten ist, sollten Einige von uns in ein Internierungslager gesperrt werden.

Ein für die Erfurter Ärztegruppe besonders wichtiges Ereignis war das internationale wissenschaftliche Symposium europäischer Sektionen der IPPNW, das unter der Überschrift „Das Schicksal der Medizin im Faschismus. Auftrag und Verpflichtung zur Bewahrung von Humanismus und Frieden“ im November 1988 in Erfurt und Weimar stattfand. Veranstalter waren die IPPNW-Sektionen von Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, der CSSR, der DDR, der Niederlande, Polens und Österreichs. Dieses erste und einzige in der DDR veranstaltete IPPNW-Symposium mit internationaler Beteiligung war aus verschiedenen Gründen denkwürdig und verdient eine eigene Darstellung, die jedoch an anderer Stelle erfolgen soll, weil sie den Rahmen dieses Beitrages sprengen würde. Hier soll nur eine Facette thematisiert werden, die ein Schlaglicht wirft auf das Verhalten des DDR-offiziellen IPPNW-Komitee gegenüber den alternativen Ärztefriedensgruppen.

Während die gehaltvolle inhaltliche Vorbereitung und Gestaltung des Symposiums den Professoren Achim Thom und Samuel Mitja Rapoport zu verdanken wär, bedankten diese sich im Protokollband dafür, dass „die technischen Voraussetzungen und organisatorischen Vorbereitungen … durch die Mitarbeiter des Sekretariats der IPPNW-Sektion der DDR und des Generalsekretariats der medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaften der DDR geschaffen“ worden seien.

Professor Achim Thom, der wohl die wesentliche inhaltliche Vor- und Nachbereitung geleistet hat, ermöglichte auch Ärztlnnen aus alternativen Friedensgruppen Beiträge. So durften beispielsweise Herbert Loos und Hajo Möller aus Ost-Berlin, Helmut Krause aus Ilmenau, Gunhild Quarch aus Görlitz in den verschiedenen Arbeitskreisen des Symposiums referieren, und Christian Nattermann aus Halle ein Poster zum Thema Pazifismus im Atomzeitalter vorstellen. Ich konnte im Arbeitskreis zum Thema „Rassismus als Theorie und Ideologie faschistischer Diskriminierungs- und Ausrottungspolitik“ einen zusammen mit meinem Bruder Thomas Schröter erarbeiteten Vortrag halten über „Gefahren des Feindbilddenkens: Ein Erklärungsversuch am Beispiel des Antisemitismus im faschistischen Deutschland“.

Professor Thom, der fachlich von der marxistisch-leninistischen Philosophie her kam und sicherlich ein überzeugter SED-Genosse war, behandelte uns respektvoll als gleichberechtigte Partner, deren andersdenkender Kontext freundlich zu tolerieren war, solange man qualifiziert und guten Willens am gemeinsamen Thema kooperieren konnte. Er hatte das Neue Denken Michail Gorbatschows verinnerlicht, und kam uns im Rahmen seiner Möglichkeiten hilfreich entgegen.

Die organisatorisch Verantwortlichen des Symposiums hingegen zeigten sich von ihrer schlechten Seite. Das ging so weit, dass FDJ-Ordner die aus Ostberlin und Halle angereisten Ärztlnnen aus den alternativen Friedensgruppen mit Körpergewalt am Betreten des HNO-Hörsaals der Medizinischen Akademie Erfurt hinderten, in dem das Eröffnungsplenum des IPPNW-Symposiums stattfand. Nur die Unterstützung einiger westlicher IPPNW-KoIlegen, denen gegenüber die DDR-Offiziellen die Form wahren mussten, ermöglichten schließlich doch die Teilnahme der Ausgegrenzten, aber erst nachdem Professor Karl Bonhoeffer gedroht hatte, den unerhörten Vorgang am Mikrofon im Plenum anzusprechen. Während des Symposiums kam es von Seiten der Organisatoren allerdings noch zu anderen gegen Ärztlnnen aus alternativen Gruppen gerichteten Unfreundlichkeiten. So stürzte sich beispielsweise Heinrich Niemann, der hauptamtlichen Sekretär des staatlichen IPPNW-Komitee auf Eberhard Seidel und beschuldigte ihn unter Hinweis auf sein von einem westlichen Kollegen geliehenes Tagungsschild, ein Betrüger zu sein, der sich unter falschem Namen widerrechtlich eingeschlichen habe. Mit solchem Verhalten entlarvte Heinrich Niemann allerdings eher seine eigene aggressive Verlogenheit, denn zuvor hatte er als einer der Organisatoren des IPPNW-Symposiums ja gerade verhindert, dass sich Ärzte aus Basisgruppen wie Eberhard Seidel regulär anmelden und eigene Tagungsschildchen mit ihrem Namen bekommen konnten. Den diskriminierenden Hintergrund solcher Nickligkeiten, die subtil an dem politischen Druck mitwirkten, unter den wir uns von der Staatsmacht gesetzt sahen, verstanden neben einigen bundesdeutschen vor allem unsere niederländischen IPPNW-Kollegen sehr genau. Insbesondere der holländische Arzt Joos Werts sorgte für einen halbwegs fairen Umgang mit Ärzten aus kirchlichen Friedensgruppen, indem er sich beispielsweise heiter und wohlwollend interessiert an der Seite meines Bruders hielt, der einen schweren Stand hatte, nachdem er in einer spontanen Wortmeldung im Plenum die wegen seines pazifistischen Bekenntnisses durch den Hallenser Militärmedizin-Professor erfahrenen Beschimpfungen und Bedrohungen angeprangert hatte.

So führte etwas Schlechtes, nämlich verlogene Machtanmaßung, doch auch zu etwas Gutem, nämlich zu einer wohltuenden Solidarität mit ausgegrenzten Personen.

Neben den dargestellten Ärztekreisen in Halle, Ostberlin und Erfurt soll noch eine wichtige Gruppe um das Nervenarzt-Ehepaar Erika und Ludwig Drees in Stendal wenigstens kurz erwähnt werden, die in der Friedens- und Menschenrechtsarbeit der evangelischen Kirche aktiv waren. Erika Drees hat darüber hinaus außergewöhnlich mutig gegen das in Stendal gebaute Kernkraftwerk protestiert. Sie pflegte enge Kontakte zum Ostberliner Ärztekreis und vielen anderen kirchlichen Basisgruppen und bezahlte ihre unerschrockenen Aktivitäten mit umfassender Stasi-Verfolgung einschließlich einer Gefängnisstrafe bereits Ende der 1950er-Jahre.

Auch andere Ärzte in kleineren Orten der DDR, von denen beispielhaft noch die HNO-Ärzte Axel Nischwitz und Gunhild Quarch genannt werden sollen, versuchten in Görlitz im Sinne der IPPNW aktiv zu sein. Wir lernten uns bei den überregionalen Treffen im kirchlichen Rahmen kennen und schätzen.

Denn natürlich bemühten wir uns auch innerhalb der DDR um Kontakte zwischen den einzelnen oder sich an verschiedenen Orten treffenden Ärztlnnen, die unterschiedliche, aber vielfach ähnlich ungünstige Erfahrungen mit einer Blockadehaltung des offiziellen DDR-IPPNW-Komitee und einer „operativen Bearbeitung“ durch den Staatssicherheitsdienst machten. Ein überregionales Netzwerk zu knüpfen war unter den damaligen Bedingungen im Osten nicht leicht. Nicht jeder hatte ein Telefon und/oder Auto, Ferngespräche wurden oft gestört, unterbrochen und/oder überwacht, die Fahrten in schlecht gefederten und technisch problematischen PKW auf schlaglöchrigen Straßen waren anstrengend, die Züge überfüllt und schmutzig, die Dienste in den Kliniken überlang und schwer.

Wiederum halfen uns engagierte Pastoren und andere Mitarbeiter der evangelischen Kirche, indem sie uns Schutz und Räume, sowie ihre Logistik einschließlich von Verbindungen in den Westen zur Verfügung stellten und vor allem, indem sie uns freundlich begleiteten und moralisch unterstützten. Dafür wurde uns weder Geld noch ein konfessionelles Bekenntnis abverlangt. So konnten wir uns beispielsweise in kirchlichen Freizeitheimen, wie 1985 in Hirschluch bei Berlin oder 1987 in Darlingerode am nordöstlichen Rande des Harzes, treffen. Andere, regelmäßige wiederholte Möglichkeiten zur Vernetzung waren die großen überregionalen Treffen alternativer Basisgruppentreffen, die unter dem Namen „Frieden Konkret“ ab 1983 fast jedes Jahre in einer anderen Stadt der DDR unter dem Dach der evangelischen Kirche organisiert wurden.

Anfang Juni 1989 fand eine erste überregionale Zusammenkunft der ärztlichen Basisgruppen und Einzelaktivisten aus der gesamten DDR unter dem Motto „Ich weiß von der Schuld der Gleichgültigkeit – Ärzte in sozialer Verantwortung“ im evangelischen Stephanus-Stift in Berlin-Weißensee statt. Die Veranstaltung war deklariert als „Gemeinsame Tagung der Evangelischen Akademien Berlin – Greifswald – Magdeburg für Mitarbeiter aus medizinischen Berufen“. Neben dem Physiker Sebastian Pflugbeil, dem Molekularbiologen Professor Jens Reich und dem Autor der „Pechblende“ Michael Beleites (Ärzte für den Frieden Berlin), die über die verheerenden Wirkungen radioaktiver Strahlung sprachen, stellten die Internistin Dorothea Stolle (Christliche Mediziner in sozialer Verantwortung, Halle) und die Psychiaterin Kerstin Schön (Albert-Schweitzer-Aktion für den Frieden, Erfurt), die Ergebnisse ihrer Arbeitsgruppen vor. Die Schriftstellerin Christa Wolf las aus ihrem Buch „Kassandra“ und diskutierte mit uns über das Potential solidarischer Gruppen für einen friedlichen Veränderungsprozess in unserem Land.

Ein greifbares Ergebnis der Tagung ist ein Brief, den wir an den Vorsitzenden der DDR-Sektion der IPPNW Professor Moritz Mebel geschrieben haben. Darin stellten wir uns vor als „christliche Ärztlnnen aus verschiedenen Bezirken der DDR, die ein gleiches Empfinden sozialer Verantwortung angesichts der nuklearen und moralischen Bedrohungen des Lebens auf der Erde zusammengeführt hat“ und die Mitglieder der IPPNW geworden sind, nachdem uns dies 1986 erlaubt wurde. „Unsere bisherigen Versuche zur Mitarbeit in der DDR-Sektion der IPPNW führten zu regional sehr unterschiedlichen Erfahrungen, welche von recht positiven Aktions- und Kooperationsmöglichkeiten bis hin zu äußerst unerfreulichen Konfrontationen reichten. Eine restriktive Behandlung gut gemeinter Basisaktivitäten hat schon in verschiedenen Fällen zum Vertrauensverlust gegenüber der DDR-Sektionsleitung bei primär an aktiver IPPNW-Mitarbeit interessierten Kolleginnen geführt.“ Wir teilten mit, dass „wir die Strukturen unserer Sektion für verbesserungsbedürftig“ halten und schlugen unter Berufung auf das Statut der IPPNW folgende Veränderungen vor: Erstens sollten die bisherigen IPPNW-Bezirkskomitees abgelöst werden. „Die Auswahl der Nachfolgerlnnen wünschen wir uns als einen von der ärztlichen Basis her bestimmten Prozess im Sinne demokratischer Wahlen. Es sollte in jeder IPPNW-Arbeitsgruppe allein von den darin tätigen Ärztlnnen abhängen, wen aus ihrer Mitte sie in das Bezirkskomitee wählen. Sie entscheiden eigenständig, wann und wo sie sich versammeln und welche inhaltlichen Schwerpunkte sie ihrer Arbeit setzen.“

Zweitens ging es um die demokratische Mitbestimmung bei der Auswahl der Delegierten zu internationalen Veranstaltungen der IPPNW. „Auswahlkriterium sollte allein die für IPPNW geleistete Arbeit der Reisekandidaten sein. Die Einschätzung dieser Arbeit und Entscheidung über Reisedelegationen müssten in einer öffentlichen Diskussion der IPPNW-Mitglieder getroffen werden und unabhängig von medizinischen Hierarchien o. a. formalen Gesichtspunkten sein. Bereits bestehende Privilegierung als ‘Reisekader’ z. B. dürfte kein Grund für wiederholte Delegierung sondern im Gegenteil Anlass sein, zukünftig einmal anderen engagierten Ärztlnnen das Mandat zur Teilnahme an internationalen Veranstaltungen zu geben.“

Drittens schien uns die Klärung der Frage der Finanzen dringend erforderlich. „Unsere Bewegung versteht sich als unabhängig von staatlichen Institutionen, politischen Parteien und Massenorganisationen. Wir möchten erneut unsere Bereitschaft zu regelmäßigen Beitragszahlungen zur Kenntnis geben und denken, dass bei einer allgemein einseh- und kontrollierbaren Finanzverwaltung, etwa durch einen wählbaren Schatzmeister, die finanzielle Unabhängigkeit der DDR-Sektion der IPPNW auf der Grundlage von Mitgliedsbeiträgen und Spenden gewährleistet werden könnte.“

Der mit 3. Juni 1989 datierte Brief trägt die Unterschriften von 67 Ärztlnnen, etwa zu gleichen Teilen Frauen und Männer, die aus Berlin, Brandenburg, Dresden, Erfurt, Görlitz, Gotha, Greifswald, Greiz, Ilmenau, Jena, Halle, Leipzig, Lohmen, Meißen, Rostock, Schwerin, Sebnitz, Seelow, Stendal, Uchtspringe, Ueckermünde, Waltershausen, Weimar und Wittenberg gekommen waren.

Zum Schluss schrieben wir: „Wir bitten um die Möglichkeit, miteinander in einen Dialog eintreten zu können und unsere Vorschläge einer breiten medizinischen Öffentlichkeit zur Diskussion vorzulegen. In der Hoffnung auf Fortsetzung des hiermit von uns eingeleiteten Dialogs grüßen wir mit kollegialer Hochachtung.“

Dieser Brief, der wie manche andere unserer seit 1983 an Professor Mebel geschriebenen Briefe unbeantwortet blieb, trägt schon erkennbar die Handschrift des Anfang September 1989 veröffentlichten Aufrufs für ein Neues Forum:
„In unserem Land ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört.“ Die Initiative beschrieb die schwere Krise und forderte einen „demokratischen DiaIog  über die Aufgaben des Rechtsstaates, der Wirtschaft und Kultur. Über diese Fragen müssen wir in aller Öffentlichkeit, gemeinsam und im ganzen Land, nachdenken und miteinander reden.“
Die Ähnlichkeit der Dialog-Forderung ist kein Zufall. Von den 30 Erstunterzeichnern des Neuen Forum waren 6 (immerhin 17 Prozent) zugleich in alternativen Ärztegruppen aktiv: Neben Erika Drees aus Stendal waren das aus Ostberlin (Ärzte für den Frieden) die Ehepaare Jutta und Eberhard Seidel sowie Christine und Sebastian Pflugbeil und last but not least Professor Jens Reich.

Wie wir wissen, mündeten die Aufrufe des Neuen Forum und anderer Initiativgruppen, die Empörung der Bürger gegen den vormundschaftlichen Staat, gegen den angemaßten Herrschaftsanspruch einer Partei, gegen die Unterdrückung der Presse-, Meinungs-, Reise-und Versammlungsfreiheit im Herbst 1989 in eine friedliche Revolution.

Weil die meisten Ärztlnnen aus den alternativen Friedensgruppen sehr aktiv an diesen revolutionären Umgestaltungsprozessen 1989–90 in der DDR beteiligt waren, an Runden Tischen, in neu gewählten Untersuchungskommissionen, Bürgerkomitees und Parlamenten mitwirkten, fand die erste DDR-weite IPPNW-Mitgliederversammlung mit freier Wahl eines neuen Vorstandes erst im Juni 1990 in der Charité (Berlin-Mitte) statt. Zu unserem Vorsitzenden wählten wir Professor Jens Reich, der zu dieser Zeit auch Abgeordneter von BÜNDNIS 90 in der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR war.

Und erst im Jahr darauf, 1991, als die DDR schon der Bundesrepublik Deutschland beigetreten war, schlossen sich die beiden deutschen IPPNW-Sektionen zusammen. Dies wurde in tadellos demokratischer Weise vollzogen, wobei wir mit unseren spezifischen Erfahrungen und Wünschen auch den Zusatztitel „Ärzte in sozialer Verantwortung“ in die gesamtdeutsche IPPNW-Sektion einbringen konnten.

Vortrag von Sonja Süß im September 2014 bei den Hubertusburger Friedensgesprächen

Foto: Copyright IPPNW Archiv, Ärztinnen und Ärzte bei einer Demonstration in Ost-Berlin am 4. November 1989

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