Female Genital Mutilation and Cutting – Die grausame Missachtung von Menschenrechten

Trotz internationaler Verbote wird weibliche Genitalverstümmelung (engl.: female genital mutilation and cutting bzw. FGM/C) weltweit noch in über 30 Ländern praktiziert. Dabei handelt es sich vor allem um afrikanische Staaten, sowie um weitere Länder in Asien und im Nahen Osten. Durch die Migrationsbewegungen sind aber auch in Europa immer mehr Mädchen betroffen. In Deutschland sind es etwa 50.000, die von einer Genitalverstümmelung bedroht sind.

Unter FGM/C werden alle Prozeduren verstanden, die zu einer partiellen oder totalen Entfernung des äußeren weiblichen Genitale führen, sowie andere Verletzungen der weiblichen Genitalorgane aus nicht-medizinischen Gründen (Definition der Weltgesundheitsorganisation, WHO). Die WHO definiert vier verschiedene Formen von FGM/C. Bei Typ I wird die Klitoris teilweise oder vollständig entfernt, eventuell zusammen mit der Klitorisvorhaut (Klitoridektomie). Bei Typ II werden die kleinen Schamlippen entfernt und teilweise auch die großen (Exzision). Typ III beschreibt die sogenannte Infibulation. Dabei wird der Vaginaleingang nach Entfernung der kleinen und großen Schamlippen sowie der Klitoris fast komplett verschlossen, entweder durch eine Naht oder durch die Prozesse der Wundheilung. Typ IV bezeichnet jede andere Form von genitaler Verstümmelung bei Mädchen und Frauen, z.B. piercen oder verätzen. Als Deinfibulation wird die operative Eröffnung des Vaginaleingangs einer Frau bezeichnet, bei der eine Infibulation durchgeführt wurde. Das kann u.a. vor der vaginalen Entbindung eines Kindes notwendig werden.

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Weltweit leiden über 200 Millionen Mädchen und Frauen unter den Folgen von FGM/C. Zur Vorstellung: Das snd ungefähr dreimal so viele Mädchen und Frauen, wie Menschen in Deutschland Leben. Jährlich sind weitere drei Millionen Mädchen und Frauen gefährdet, Opfer einer Genitalverstümmelung zu werden. Meistens sind dies Mädchen im Kindes- bis Jugendalter. Die enormen Auswirkungen auf die physische, psychische und sexuelle Gesundheit der Mädchen und Frauen lassen sich kaum begreifen. Akute Folgen sind Blutungen, Schmerzen (die Prozeduren werden ohne jedwede Anästhesie durchgeführt) und Infektionen durch die Verwendung unsteriler Instrumente (wie Rasierklingen, Messer oder gar Glasscherben). Am Ende dieser traurigen Hierarchie steht der Tod durch Verbluten oder durch Infektionen. Zu den langfristigen Folgen gehören Schmerzen beim Wasser lassen, Menstruationsprobleme, Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) und chronisch-rezidivierende Infektionen. Auch die Geburt eines Kindes birgt Risiken wie eine verlängerte Entbindungsdauer, eine höhere Rate an Kaiserschnitten sowie eine erhöhte Sterblichkeit der Neugeborenen. Zu den psychologischen Folgen zählen posttraumatische Belastungsstörungen, Angststörungen und Depressionen. 

Was sind also die Gründe dafür, dass FGM/C trotz all dieser schrecklichen Auswirkungen immer noch praktiziert wird? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Die Ursachen sind vielfältig und soziokulturell, politisch und wirtschaftlich bedingt. Über allen Begründungen steht die soziale Akzeptanz von FGM/C in einigen Gesellschaften. Es ist Teil ihrer Geschichte und ihrer Kultur. Durch FGM/C soll die Jungfräulichkeit der Mädchen und jungen Frauen bis zur Hochzeit erhalten bleiben, es soll die Heiratschancen erhöhen und rein und schön wirken. Gerade der soziale Druck und die gesellschaftliche Akzeptanz sind es, die ein Ende dieser Praktiken so schwierig machen. Es gibt außerdem eine enge Verbindung zwischen der Aufrechterhaltung von strikten Genderrollen, die Frauen die Kontrolle über ihr Leben verbieten und der mangelnden Überzeugung, dass FGM/C abgeschafft werden muss. Laut der WHO stellt FGM/C eine extreme Form von Diskriminierung gegenüber Frauen dar (WHO fact sheet female genital mutilation, 2017).

Die WHO weißt in ihren Leitlinien zum Management von Gesundheitsproblemen nach FGM/C auch auf die Verletzung zahlreicher Menschenrechte durch die Genitalverstümmelung hin: Das Recht eines jeden auf das für ihn erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Verbot jedweder Art von Gewalt und Folter, das Recht auf Gleichheit zwischen den Geschlechtern sowie grundlegende Kinderrechte. Hier sieht die WHO die jeweiligen Regierungen in der Pflicht, Mädchen und Frauen vor FGM/C zu schützen und vor allem auch eine Medikalisierung von FGM/C zu verhindern. Denn die Prozedur ist keinesfalls sicherer, wenn sie durch medizinisches Personal erfolgt. Im Gegenteil, es ist Ärzt*innen und anderen Heilberufler*innen strengstens untersagt, sich an FGM/C zu beteiligen.

Doch wie lässt sich FGM/C konkret beenden? Es gibt eine Reihe Projekte und Organisationen, die sich mit dieser Frage beschäftigen und aktiv gegen FGM/C vorgehen. So findet sich unter Punkt 5 der Sustainable Development Goals der UN zur Gleichstellung der Geschlechter das Ziel, FGM/C bis zum Jahr 2030 überall zu beenden. Die Organisation WADI e.V. engagiert sich vor allem im Irak und im Iran durch Aufklärungs- und Lobbyarbeit, z.B. mittels Fernsehspots, Filmen, mobilen Aufklärungsteams und einer Hotline für anonyme Beratungen. Eine etwas andere Strategie verfolgt die Organisation TARGET mit einer Geburtshilfeklinik am Rande der Danakilwüste in Äthiopien, in der Frauen nach FGM/C eine sichere Entbindung ihres Kindes ermöglicht werden soll. TARGET bekämpft aber nicht nur die Folgen, sondern auch die Ursachen: Das Afar-Volk hat FGM/C inzwischen als Sünde erklärt und dies im Stammesgesetz festgeschrieben. Und sie kooperieren mit hochrangigen islamischen Autoritäten, da die meisten Opfer Musliminnen sind. Mit der TaskForce für effektive Prävention von Genitalverstümmelunggibt es auch eine Organisation,  die sich für die betroffenen oder bedrohten Mädchen und Frauen in Deutschland engagiert und u.a. eine Notruf-Hotline eingerichtet hat. Diese und weitere Projekte sind ein kleiner Hoffnungsschimmer.

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Dieser Artikel von Julia Weber erschien im Amatom 30 (2017).

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Quellen:

Berg, RC, Underland, V et al. Effects of female genital cutting on physical health outcomes: a systematic review and meta-analysis. BMJ open 2014.

Eliminating Female genital mutilation. An interagency statement. OHCHR, UNAIDS, UNDP, UNECA, UNESCO, UNFPA, UNHCR, UNICEF, UNIFEM, WHO. 2008.

Reisel, D, Creighton, S. Long term health consequences of Female Genital Mutilation (FGM). Maturitas 80 (2015) 4851.

TaskForce für die effektive Prävention von Genitalverstümmelung

TARGET – Gezielte Aktionen für Menschenrechte

TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V

UN – Sustainable Development Goals

UNICEF, Female Genital Mutilation/Cutting: A statistical overview and exploration of the dynamics of change. 2013.

WADI – Verband für Krisenhilfe und solidarische Entwicklungszusammenarbeit e.V.

Stop FGM Mideast Der Kampf gegen Genitalverstümmelung. 

WHO. Female Genital Mutilation – Factsheet 

WHO guidelines on the management of health complications from female genital mutilation. ISBN 978 92 4 154964 6. 2016.

Workshop von Dr. Harlfinger, Dr. Chow und Dr. Joukhadar beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) am 19.10.2016 in Stuttgart.

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