Eine neue Niere für 900 Euro – Das iranische Modell zur Lebendorganspende

Als Standardtherapie im Endstadium eines Organversagens gilt die Organtransplantation. Weltweit übertrifft die Nachfrage nach Organen jedoch bei Weitem das Angebot, weshalb im Iran 1988 ein System zur Lebendspende von Nieren eingeführt wurde. Es ist das einzige Land der Welt mit einer staatlichen Förderung der Lebendorganspende an Fremde. Angeblich konnte die Warteliste für Spendernieren im Iran bis 1999 dadurch komplett eliminiert werden. Doch wie sieht die Realität aus?
Patient*innen im Endstadium eines Nierenversagens können sich an die Iranian Kidney Foundation wenden. Diese koordiniert die Kontaktaufnahme zwischen Spender*innen und Empfänger*innen, regelt die Bezahlung und wickelt den gesamtem Transplantationsprozess ab. Für alle potentiellen Spender*innen sind eine vollständige Diagnostik und Erhebung des Gesundheitsstatus vorgesehen, die in der Realität aber nicht immer mit größter Sorgfalt durchgeführt werden. Auch eine Nachsorge der Spender*innen erfolgt in nur wenigen Fällen. Sie sind in den meisten Fällen nicht über die potentiellen Folgen der Nephrektomie aufgeklärt. So ergeben sich gesundheitliche Risiken für Organspender und -empfänger*innen. Dazu gehören akute OP-Komplikationen, Nierenversagen, Bluthochdruck, chronische Schmerzen u.a. Die Organspender sind vor allem junge Männer aus den unteren gesellschaftlichen Schichten. Sie sind arm und weniger gebildet. Sie erhalten für ihre Spende 900 Euro und eine kostenlose Krankenversicherung für ein Jahr. Was nach der Spende passiert, weiß niemand. Es gibt kein nationales Register und kein Follow-Up. Die Spender*innen sind die“neglected victims“ dieses Systems. In kleineren Studien berichten 60% bis 70% von ihnen über soziale Isolation nach der Spende, über postoperative Depressionen, Angstgefühle sowie negative finanzielle und physische Auswirkungen der Organspende.
Die Bezahlung für die Lebendorganspende ist inzwischen nicht mehr allein staatlich reguliert. Stattdessen stehen Organempfänger*in und -spender*in über die Iranian Kidney Foundation in direktem Kontakt und können über den Preis für das Organ verhandeln. Dieses Vorgehen entspricht der Definition von Kommerzialisierung von Transplantationen, wie sie in der Deklaration von Istanbul zu Organhandel und -tourismus zu finden ist:
„Die Behandlung von Organen als Ware, dies beinhaltet den Kauf oder Verkauf sowie die Verwendung zu gewinnbringenden Zwecken.“
Auch die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) und der Weltärztebund (World Medical Association, WMA) sind gegen die entgeltliche Spende von Organen:
„Die Bezahlung von Organen für Spende und Transplantation muss
verboten werden.“(WMA, 2014).
Wo Geld und Gesundheit aufeinander treffen, ist auch Missbrauch nicht weit. So wurden Fälle berichtet, in denen dieGesundheitsdaten der Spender*innen gefälscht wurden, damit sie für eine Organspende in Frage kommen. Und potentielle Spender*innen geben Annoncen auf und machen Aushänge, um ihre Organe anzupreisen und einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Weiterhin bietet die fehlende Relevanz von postmortalen Spen
den und Lebendspenden von Angehörigen Raum für Kritik am iranischen Modell. Die postmortale Organspende wurde im Iran erst 12 Jahre nach der Lebendorganspende erlaubt, nämlich im Jahr 2000 mit der Deklaration des Organ Transplantation Brain Death Act. Vorher war eine postmortale Spende aus versorgungstechnischen sowie religiösen und kulturellen Gründen nicht möglich. Der Anteil der postmortalen Spende an allen Organspenden ist zwar weiterhin steigend, im Vergleich zur Lebendspende jedoch immer noch gering. Es bedarf der weiteren Aufklärung der iranischen Bevölkerung und auch der Ärzteschaft, denn immer noch bestehen hier Misstrauen und mangelnde Information. Es ist außerdem denkbar, dass der Ausbau des Programms zur Lebendorganspende an Fremde eine weitere Hürde in Bezug auf postmortale Spende und Lebendspende an Angehörige darstellt. Befürworter*innen des iranischen Modells hingegen argumentieren, dass ohne die Lebendspenden mehr Menschen im Endstadium eines Nierenversagens versterben würden. Und dass es sonst mehr Patient*innen gäbe, die im Ausland Transplantationstourismus betreiben und die benötigten Organe käuflich erwerben würden, was mit einem höheren Übertragungsrisiko von Infektionskrankheiten, wie z.B. Hepatitis B, C oder HIV verbunden ist. Sie sehen die Ausweitung des iranischen Modells als Möglichkeit, um den illegalen Organhandel und unethischen Transplantationstourismus einzudämmen und außerdem das Problem des Organmangels zu bekämpfen. Sie gestehen aber auch den Optimierungsbedarf dieses Modells ein: Die reduzierte Lebensqualität der Nierenspender*innen nach der Spende und die fehlende gesundheitliche Nachsorge.
Das iranische Modell zur Lebendorganspende bietet viel Raum für Diskussion und wirft ethische Fragen auf. Wie verzweifelt ist ein Mensch, wenn er freiwillig eine Niere an einen Fremden spenden möchte? Sieht er keinen anderen Ausweg aus seiner finanziellen Notlage? Und ist er sich den weitgreifenden Folgen seiner Organspende für den eigenen Körper überhaupt bewusst? Wenn sich das System nicht abschaffen lässt, so sollte die physische und psychische Gesundheit der Organspender*innen Priorität haben. Umfassende klinische Voruntersuchungen, regelmäßige Nachsorgetermine und eine lebenslange, kostenlose Krankenversicherung für die Spender*innen und ihre Familien sind wünschenswert. Weiterhin muss eine finanzielle Abhängigkeit zwischen Spender- und Empfänger*innen vermieden werden. Dies gelänge z. B. durch eine Anonymisierung der Spende, sodass Spender*in und Empfänger*in nicht mehr über den Preis verhandeln könnten und die Entscheidung über die Rechtmäßigkeit einer Organspende allein bei den
behandelnden Ärzt*innen und der koordinierenden Iranian Kidney Foundation läge. Eine Lebendorganspende an Fremde ist also nur sinnvoll, solange die Lebensqualität und Gesundheit keiner der Beteiligten gemindert wird und die Spender*innen sich über die Folgen ihrer Spende bewusst sind.
(Dieser Artikel erschien im letztjährigen Amatom und wurde von unserem Redaktionsmitglied Julia Weber verfasst)
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