A day in the life – PJ-Alltag in Ioannina, Griechenland

Wer noch nie etwas von dieser Stadt im Nordwesten Griechenlands gehört hat, ist in guter Gesellschaft. Keine Person, der ich von meinem Vorhaben einen Teil meines PJs dort zu verbringen erzählte, kannte sie. Ließ ich dann Worte wie griechische Provinz oder See und Nationalparks fallen, erstrahlte in den Augen meiner ZuhörerInnen die verklärte Urlaubsfantasie eines naturbelassenen Städtchens, das unsere moderne Hektik wohl irgendwie verschlafen haben wird. Natürlich gab es auch die üblichen Mitleidsbekundungen, “Oh Gott, zu den Pleitegriechen?” oder sehr schön auch: “Merkt man das da eigentlich, wie arm die sind?” Die Wahrheit liegt wie üblich irgendwo dazwischen.

IMG_20170317_150630

Ioannina ist keine große Stadt, sie zählt nur um die 170.00 Einwohner. Früher, ganz früher irgendwann, war sie eine wichtige Handelsmetropole in Epirus und ist heute noch Provinzhauptstadt. Aus glorreicheren Zeiten ist der alte Stadtkern, liebevoll Kastro gennant, erhalten geblieben, samt Stadtmauer und Schlossruine. Touristisch noch eher unerschlossen kann man gemütlich durch enge Gassen wandern, eine heiße Schokolade mit Kardamom oder einen Frappuccino (der wohl in Thessaloniki erfunden wurde, wenn man den Einheimischen glauben darf) schlürfen und die bunt gestrichenen alten Häusern bewundern. Die malerische Bergkulisse tut ihr Übriges, um den unbedarften Neuankömmling zu verzaubern. Zum Glück gibt es genug verlassene Häuser, architektonische Fehltritte und Bauruinen, Streetart und Graffiti, die der Stadt einen Anstrich realen Pragmatismus und echter Belebtheit geben. Ioannina scheint sich noch nicht ganz entschieden zu haben, ob es ein Rohdiamant ist oder schon zu Modeschmuck aufpoliert wurde.

DSC04904

Ein echtes Schmuckstück ist die Universität nebst nahegelegenem Universitätskrankenhaus, die etwas außerhalb der Stadt liegt. Fliedergezierte Wege führen an baulichen Ungeheuerlichkeiten im 70er-Jahre-Stil vorbei. Wer sich auf einer der vielen Wiesen niederlegt, kann zwar vor unglaublich schöner Bergkulisse (die wirklich beeindruckend ist, das kann man nicht oft genug sagen) in der Sonne bräunen, läuft aber auch Gefahr von den frei herumstreunenden Hunden als Spielplatz benutzt zu werden.

Auf Station herrschte morgens eine Unruhe wie auf dem Hühnerhof. ÄrztInnen liefen, verfolgt von Studierenden und dem Pflegepersonal, von Zimmer zu Zimmer und sprachen kurz über die PatientInnen, manchmal auch mit ihnen. Alles gar nicht so verschieden zu den deutschen Zuständen, nur zu humaneren Zeiten (Beginn war meist erst um 9:30 Uhr). Im Unterschied zu Deutschland durften die Medizinstudierenden generell weniger aktiv werden, im OP meist nur zuschauen, auf Station PatientInnen befragen und manchmal Blut abnehmen. Dafür nahmen sich die meisten ÄrztInnen täglich Zeit für persönlichen Unterricht am Krankenbett und im Seminarraum.

In den Operationssälen herrscht ein etwas anderes Klima als in Deutschland. Das Personal scheint sich von Anfang an darauf einzustellen, dass ab irgendeinem Punkt improvisiert werden muss und geht entsprechend entspannt miteinander und mit etwaigen Problemem um. Auch wurde ich nie wegen meines Verhaltens angemotzt, dass ich doch bitte auf die Sterilität achten soll, dort nicht hingehen, da stehen bleiben und am besten nicht zu laut atmen. Dementsprechend war ich weniger nervös und viel entspannter, was ein sehr schönes Gefühl war. Das Equipment ist oft älter oder nicht das, was sich die ÄrztInnen wünschen würden. Teilweise sieht man mit Halteband fixierte Türen – diese können, wenn sie zufallen, nämlich zubleiben und das will niemand. (So geschehen mit dem Ärztezimmer auf Station. Spoiler-Alert: Es konnten alle befreit werden.) Es ist auch schon passiert, dass die Abdeckung der OP-Leuchte dem narkotisierten Patienten auf den Kopf fiel. Alles halb so wild. Dann wird zwar auch rumgeschrien und lautstark Vorwürfe gemacht, aber das scheint im griechischen OP-Alltag sowieso eher normal zu sein. Da verdreht die OP-Assistenz dann auch mal die Augen, wenn Oberarzt und Assistenzarzt mal wieder leidenschaftlich diskutieren, um nicht zu sagen streiten. Oder sie flüstert einem, überraschenderweise auf Deutsch, ein “Dummkopf” ins Ohr, wenn der Oberarzt sich mal wieder ganz besonders anstellt. Auch bestehen im OP sonst wenig Berührungsängste. Da wird auch einmal ein Nacken massiert, wenn die OP zu lange dauert oder ein Arm um eine Schulter gelegt, wenn der Oberarzt wirklich einfach zu gemein war. Irgendwie hat es mich beruhigt, dass sich trotz der Kabbelei alle liebhaben (und bevor ich jetzt wieder alle Vorurteile bestätige: Der Spiegel bewarb erst kürzlich – ziemlich reißerisch, zugegebenermaßen – ein weltweites Ranking von Gesundheitssystemen mit dem Verweis, dass Deutschland in diesem hinter Griechenland liege. Er bezog sich dabei auf eine Studie, die die Todesraten eigentlich gut behandelbarer Krankheiten weltweit verglich und so Rückschlüsse auf die Qualität der Gesundheitsversorgung zog. Mit diesem Verweis will ich nur illustrieren, dass sich eine Situation aus anderen Blickwinkeln ganz anders darstellt und vor überstürzten Urteilen warnen.).

sdr

Bevor ich nach Griechenland ging, las ich ein wenig über den Zustand des Gesundheitssystems und solidarische Kliniken, sowie die Situation der Geflüchteten in Griechenland. Und auch in dem meiner Meinung nach behüteten Rahmen, in dem ich mich in Ioannina befand, sind mir einige Dinge aufgefallen und erzählt worden. Von den Freiwilligen, die in dem Flüchtlingscamp in Filipiada (einem Flüchtlingscamp in der Nähe von Ioannina) aushelfen, weil es zu wenige staatliche Strukturen gibt. Insbesondere an ärztlicher Versorgung mangelt es, was zum Teil von NGOs wie docmobile im Gebiet um Thessaloniki aufgegriffen wird. Und von den Leuten, die trotzdem durch alle Ritzen fallen. Wie krank die Patienten auf der Station oftmals sind – auch wurden teilweise dringend nötige Operationen herausgeschoben, weil die PatientInnen es sich nicht leisten können. Das alles sind nur Indizien, die sich in einem viel größeren Bild der strukturellen Ungerechtigkeit wiederfinden lassen. Je mehr ich las und sah, desto mehr hatte ich das Gefühl, das unter einem schlecht sitzenden Verband eine größere Wunde nicht genügend versorgt und von vielen vergessen wird. Meiner Meinung nach sollte Griechenland, auch in Deutschland, wieder Teil einer Debatte über ein solidarisches Europa werden, in dem soziale Gerechtigkeit und das Menschenrecht auf Gesundheit nicht nur leere Phrasen sind. Um diese Ziele zu erreichen, braucht es mehr als Einzelkämpfer oder isolierte Bewegungen in den einzelnen Ländern, es braucht Austausch und Unterstützung innerhalb Europas. Dieser Artikel kann nur einen kleinen Einblick in einen noch kleineren Ausschnitt meiner persönlichen griechischen Erfahrungen geben. Was bleibt mir an dieser Stelle noch übrig als zu sagen: Bleibt nicht daheim in eurem Kämmerchen hocken. Geht hinaus, lernt, informiert und vernetzt euch!

(Dieser Beitrag wurde von unserem Redaktionsmitglied Antonia Neuberger erstellt, die von März bis Mai 2017 einen Teil des chirurgischen Tertials in Griechenland verbrachte)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s